WCEU 2026 in Krakau: Die Lage nach dem Slack-Gewitter, CERN-Genialität und tanzenden Drachen

Die CERN Website wurde auf WordPress migriert.

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Vielleicht habt ihr im Vorfeld des WordCamp Europe (WCEU) 2026 beim Mitlesen in Medien und Foren auch gedacht: Die WordPress-Welt steht vor dem Kollaps.

Wenn man das ganze Online-Drama um Aksimet verfolgt hat, konnte man echt Angst bekommen. Aber: Die Realität im ICE Kraków Congress Centre war der absolute Kontrast zur Endzeitstimmung im Netz.

Neben wegweisenden Tech-Ankündigungen war es vor allem wieder ein Fest der Begegnungen. Es war vollgepackt mit brandneuem Flurfunk, herrlich skurrilen Ausflügen und absolut legendären Nächten.

Das große Slack-Beben: Matt Mullenweg und der „mittelmäßige Mist“

Machen wir uns nichts vor. Die Stimmung vor dem Event war – besonders in der US-amerikanischen Entwickler-Community – spürbar und fast schon lähmend angespannt. Warum?

Drehen wir das Rad kurz zurück zum April 2026. Da hat WordPress-Mitgründer Matt Mullenweg im offiziellen Entwickler-Slack mal so richtig den Hammer kreisen lassen. Frustriert über zähe Abstimmungsprozesse bezeichnete er die Ergebnisse der bisherigen Release-Kultur als – O-Ton – „boring or mediocre crap“. Auf gut deutsch also langweiligen oder mittelmäßigen Mist. Sein bitteres Fazit: „the wheels have fallen off“ – die Räder sind im Grunde abgefallen. Autsch!

Der konkrete Zündstoff für dieses interne Gewitter? Das berühmt-berüchtigte Trac-Ticket #65012. Da ging es um die Frage, ob das Spam-Schutz-Plugin Akismet – ein kommerzielles Produkt von Mullenwegs eigener Firma Automattic – standardmäßig fest auf der neuen Connectors-Schnittstelle von WordPress 7.0 einprogrammiert sein sollte.

Mehrere Core-Entwickler protestierten aus Governance-Gründen sofort gegen diese Sonderrolle. Matt überstimmte die Committers jedoch kurzerhand eigenmächtig via Slack – und zwar direkt aus dem Flugzeug! Das hat in der Szene natürlich eine gigantische Debatte über die Machtstrukturen im Open-Source-Universum entfacht.

Umso elektrisierter wartete die Community in Krakau auf Mullenwegs traditionelle Keynote zum Abschluss der Konferenz. Und dann der absolute Plot-Twist kurz vor dem Start: Matt sagte seine Reise nach Polen ab. Er blieb in den USA, um in einer schweren Zeit bei seiner Familie zu sein. Die inhaltliche Vertretung auf der Megabühne in Krakau übernahmen Mary Hubbard (Executive Director von WordPress.org), Matías Ventura (Gutenberg-Projekt-Lead) und Rich Tabor (Designer und Entwickler). Und ich sage: Die drei haben das gut gerockt!

Das CERN vertraut auf WordPress!

Während im Netz die juristischen und organisatorischen Wellen hochschlugen, gab es am ersten Konferenztag eine fast schon poetische Antwort auf alle Zukunftsängste. In einer völlig umjubelten Eröffnungs-Keynote mit dem Titel „Two worlds collide: WordPress at CERN“ machten Joachim Valdemar Yde und Francisco Borges Aurindo Barros das Unmögliche greifbar.

Das CERN – die Europäische Organisation für Kernforschung an der französisch-schweizerischen Grenze – ist extrem geschichtsträchtig. Hier hat Sir Tim Berners-Lee vor über 30 Jahren das World Wide Web erfunden! Und genau diese Wiege des modernen Internets hat in Krakau stolz verkündet, dass ihre zentrale, globale Flaggschiff-Website home.cern ab sofort vollständig über eine WordPress-Infrastruktur ausgeliefert wird.

Das CERN-Webteam hat dafür über 800 weitgehend isolierte und veraltete Websites (viele davon auf Drupal-Basis) über eine automatisierte Migrations-Pipeline in native Gutenberg-Blöcke transformiert und auf einer modernen Kubernetes-Infrastruktur aufgesetzt. Sieh selbst: https://home.cern/

Das Beste für uns alle: Dieses Migrationstool soll bald als Open Source für alle Entwickler freigegeben werden! Es ist eine faszinierende Symmetrie: Die Institution, die die allererste Webseite der Menschheit veröffentlichte, läuft heute auf der freien, von einer weltweiten Community gepflegten Open-Source-Software, die über 40 % des heutigen Webs antreibt. Wenn das kein Ritterschlag ist, was dann?

„WordPress Dooming“ im Realitätscheck: Totgesagte leben länger

Dieser monumentale Erfolg des CERN war der perfekte Kontrast zum grassierenden „WordPress Dooming“, das im Frühjahr 2026 durch die Podcaster- und Entwickler-Kreise geisterte. Da wurde intensiv debattiert, ob das klassische CMS durch das Aufkommen von KI-gestütztem „Vibecoding“, moderne JavaScript-Frameworks oder eben die internen Führungsstreitigkeiten dem Tode geweiht sei.

In Krakau wurde diese Endzeitstimmung jedoch mit pragmatischer Tatkraft und einer fetten Portion Trotz-Humor beiseitegewischt. Beobachter sprachen von einem spürbaren „Pendelschwung zurück zur Boring Technology“ – also einer gesunden Rückbesinnung auf solides Web-Handwerk und die Stabilität bewährter Systeme.

Der Kampf ums Web: Wo gekämpft wird, wo er verloren ist

Den intellektuellen Kern dieser Debatte traf Core-Committer Jonathan Desrosiers mit seinem provokanten Vortrag „The fight for the open web is a lie“. Seine These ist eine andere. Das offene Web selbst ist technisch überhaupt nicht bedroht. Es basiert immer noch auf den freien und offenen Protokollen des CERN.

Was wir tatsächlich verlieren, ist die Psychologie der Nutzer: Wir kapitulieren vor der Bequemlichkeit geschlossener Apps und proprietärer Plattformen („Walled Gardens“).

Es liegt also ganz allein an uns und der WordPress-Community, die Ärmel hochzukrempeln und die Vorzüge des freien Webs wieder aktiv und selbstbewusst zu verteidigen. Sich in Untergangsszenarien zu ergehen hilft nicht!

Screenshot aus dem Vortrag Agentic AI & WordPress: from prompts to tools & systems
KI in WordPress: Aus der Anwendung heraus hat man Zugriff auf ein KI-Modell nach Wahl. Das kann auch eine lokale Instanz ein (etwa mit Ollama) oder eben eine der üblcihen Verdächtigen: ChatGPT, Claude, Mistral. Interessant dürfte die nächste KI-Stufe werden mit MCP und mehr „Agency“. Bildschirmfoto aus dem Vortrag „Agentic AI & WordPress: from prompts to tools & systems

Und selbst die Angst, dass künstliche Intelligenz die Teams hinter dem CMS arbeitslos machen könnte, wurde im abschließenden Fireside Chat der Konferenz komplett entschärft. Auf die besorgte Frage aus dem Publikum, ob Support- und Dokumentationsteams im KI-Zeitalter nicht bald obsolet werden, entgegnete das Panel auf der Bühne völlig gelassen: KI wird uns repetitive Routineaufgaben abnehmen. Aber die qualitative Kuration, die ethische Moderation, das Training der Modelle und der echte, menschliche Zusammenhalt in der Community? Das kann durch keinen Bot der Welt ersetzt werden. Beruhigend, oder?

Screenshot mit der Präsentatorin Pooja Sanwal über die Bedeutung von Text im KI Zeitalter und der Dominanz von Video
82,5 % des globalen Internet-Traffics im Jahr 2026 sind Videos! 🤯
Als absoluter YouTube-Fan geht mir da natürlich das Herz auf. Aber wo zur Hölle bleibt da eigentlich noch Platz für den guten alten Text? Genau diese Frage hat Pooja Sanwal hier im Talk genial auseinandergenommen.

Flurfunk, Friedhöfe und fette Side-Events: Das Leben im „Hallway Track“

Ganz ehrlich: Was wäre das WordCamp Europe ohne das Leben abseits der Session-Räume? Der legendäre „Hallway Track“ war in Krakau ein absolutes Highlight. Die Stadt hat es den über 2.400 Besucherinnen und Besuchern aber auch verdammt leicht gemacht, sich wohlzufühlen:

Jedes Ticket-Badge war mit einem glitzernden Hologramm versehen, das als Freifahrtschein für alle Straßenbahnen und Busse der Stadt fungierte. Mega gut gelöst! So pendelte die Community mühelos zwischen dem modernen Kongresszentrum, den gemütlichen Gassen des jüdischen Viertels Kazimierz und der Altstadt.

Kulinarisch wurde die Konferenz von unzähligen Tellern heißer Pierogi, traditioneller Żurek-Suppe und den legendären Obwarzanek-Salzbrezeln begleitet, die es an fast jeder Straßenecke zu kaufen gab. Ein Traum!

Besonders bunt (und manchmal herrlich skurril) ging es bei den zahlreichen Side-Events her:

  • Der Friedhofs-Spaziergang (Cemetery Walk): Für alle, die eine Pause vom lauten Tech-Talk brauchten, gab es eine geführte Tour über einen der historischen Krakauer Friedhöfe. Klingt erst mal makaber, bot aber inmitten des dichten Konferenz-Trubels einen willkommenen Moment der absoluten Ruhe und des Durchatmens.
  • Netzwerken auf dem Wasser: Die Woo-Community mietete kurzerhand das wunderschöne Restaurantschiff „Aquarius“ direkt auf der Weichsel an. Bei polnischer Küche und kühlen Getränken schwankte die Stimmung im besten Sinne hoch.
  • Aussicht mit Stil: Wer es etwas exklusiver mochte, traf sich in der Groble Skybar Lounge. Bei freiem Blick über die Dächer von Krakau und die beleuchtete Wawel-Burg wurden die neuesten Gerüchte über die Zukunft von WP Engine und die Entwicklung von WordPress 7.1 ausgetauscht. Flurfunk deluxe!
  • Glow Party & Geburtstag: Die legendäre Party von Yoast stand in diesem Jahr ganz im Zeichen von Pride, Licht und intensiven Farben. Da Yoast zeitgleich seinen 16. Geburtstag feierte, verwandelte sich die Tanzfläche in ein glitzerndes Meer aus Neonfarben, Pailletten und metallischen Outfits. Genial!

Die Nacht der Drachen und das große Finale in der Festung

Das absolute Über-Highlight des Wochenendes war jedoch der Samstagabend (6. Juni). Nach den offiziellen Abschlussworten zog die Community weiter zur großen After-Party. Und die Location hätte atmosphärischer kaum sein können: Gefeiert wurde im Forty Kleparz, einer historischen Ziegelbaufestung aus dem 19. Jahrhundert, die einst zum österreichisch-ungarischen Verteidigungsring um Krakau gehörte. Die dicken, geschichtsträchtigen Festungsmauern und die offenen Innenhöfe bildeten die perfekte Kulisse für eine Party, die das lokale Organisationsteam auf stolze acht Stunden bis tief in die Nacht (bzw. bis 4:00 Uhr morgens!) ausgedehnt hatte!

Der Weg dorthin entwickelte sich für viele jedoch zu einem ganz eigenen Abenteuer. Exakt am selben Abend fand in Krakau nämlich die berühmte Große Drachenparade (Parada Smoków) statt. Riesige, leuchtende Drachenfiguren wurden über die Weichsel und durch die Altstadt gesteuert, untermalt von Musik und Feuerwerk. Die Straßen waren mit Zehntausenden Menschen verstopft, Trams wurden umgeleitet und die WordPress-Community musste sich ihren Weg durch ein Meer aus Fabelwesen bahnen – ein absolut surrealer und magischer Übergang vom Tech-Alltag in die Partynacht!

Auf der After-Party wurde dann auch das am heißesten gehütete Geheimnis gelüftet: Das nächste WordCamp Europe 2027 wird vom 27. bis 29. Mai 2027 in Málaga, Spanien, stattfinden! Nach der kühlen Festung in Krakau dürfen sich die WordPress-Enthusiasten also auf andalusische Sonne, Tapas und das Mittelmeer freuen.

Mein Fazit: WordPress rockt weiter!

Krakau hat eindrucksvoll bewiesen, dass WordPress weit mehr ist als die Launen einzelner Akteure oder das Drama in irgendeinem Slack-Kanal. Alles Sessions gibt es auf WordPress TV: https://wordpress.tv/event/wordcamp-europe-2026/

Während im Hintergrund weiter um Markenrechte und Governance gerungen wird, liefert das Ökosystem stabile Software, unvergessliche Erlebnisse und eine unverwüstliche Community. Wenn selbst die Geburtsstätte des World Wide Web voll auf WordPress vertraut und die Community im Schatten von Drachen und Festungsmauern feiert, ist der Untergang der Plattform wohl noch ein ganzes, weites Stück entfernt.

Was meinst du – sehen wir uns 2027 in Málaga?

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